Sichtweise

Puh, da ist mir doch tatsächlich die Brille kaputt gegangen. An einem der Bügel ist der obere Rahmen gebrochen und das Glas raus gefallen. Ist zum Glück heile geblieben. Es ist meine erste Brille und sie ist auch schon einige Jahre alt. Vielleicht haben die Augen mit geholfen, damit ich beim Optiker endlich wieder einen Sehtest mache. Jedenfalls laufe ich seit gestern Nachmittag ohne Brille durch die Wohnung.

Dabei fällt mir der Gewöhnungseffekt sehr deutlich auf. Bezüglich Sichtweite und Schärfe fehlt mir die Brille eigentlich gar nicht so wirklich. Also, klar, ich trage die ja nicht zum Spaß oder aus modischen Gründen, dennoch ist das etwas schlechtere Sehen nicht so dramatisch. Aber meiner Nase und meinen Ohren fehlt ganz offensichtlich der Druck des Gestells. Ganz oft laufe ich durch die Wohnung und denke: “Ach, schon wieder die Brille vergessen!”, erinnere mich dann aber, dass ich sie nicht vergessen habe, sondern, dass sie kaputt auf dem Schreibtisch liegt.

Ich glaube, so ähnlich funktioniert das auch mit alten Ansichten, die sich zwischenzeitlich als falsch herausgestellt haben. Man weiß, sie sind falsch, aber zum geeigneten Moment verfällt man ihnen wieder. Dann erinnert man sich und gelobt Besserung. Bis zur nächsten Situation. Mit Verhaltensweisen ist das sicherlich auch so. Es ist schwer, die Mauer aus Gewohnheit und Bequemlichkeit zu durchbrechen, um dauerhaft eine andere Sicht auf die Dinge einzunehmen.

Na ja, eine kaputte Brille ist schon mal ein Anfang. Und wer weiß, vielleicht wird der Blick nächste Woche noch viel schärfer gestellt.